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22.12.2017 14:53 Uhr | Quelle: WahreTabelle

Schiedsrichterball: Der Blick zurück

Kolumne: Johannes Gründel erklärt bei WahreTabelle das Regelwerk und strittige Fußball-Szenen. 

Johannes Gründel
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Dingert_Christian_Videobeweis
Quelle: Imago Sportfoto
Schiedsrichter Chrstian Dingert nahm in Augsburg nach Blick in die Review-Area einen Elfmeter für den FCA zurück...

Johannes Gründel
Johannes Gründel

In den vergangenen Wochen kam es zu Situationen, in denen vermeintlich klar richtig entschiedene Situationen mithilfe des Videoassistenten korrigiert wurden, weil in der Entstehung der Szene ein Vergehen übersehen wurde. Zuletzt kochte das Thema hoch, als in der Partie gegen den SC Freiburg (3:3) ein klarer Strafstoß für den FC Augsburg korrigiert wurde. Die Fuggerstädter hatten in der Entstehung der Szene ein strafbares Handspiel begangen. Was musste man da nicht alles lesen? Von „30 Sekunden“ zwischen dem Hand- und dem Foulspiel war die Rede. Zudem sei ja unklar, wie weit zurückgegangen werden könne.

Beides stimmt nicht: Zwischen Hand- und Foulspiel lagen nur zehn Sekunden. Das ist jetzt keine derart immens lange Zeit, dass ein Zusammenhang zwischen beiden Vergehen absurd wäre. Auch sind die Maßgaben, wie weit der Videobeweis zurückgehen kann, relativ eindeutig: Im Protokoll des IFAB zum Videobeweis steht:

„Bei Toren, Strafraumsituationen und bestimmten Roten Karten (z. B. für das Verhindern einer offensichtlichen Torchance) kann die Prüfung den Angriffsspielzug umfassen, der zu der Situation führte (einschließlich des gewonnenen Ballbesitzes), jedoch nicht eine der Situation vorausgegangene Spielfortsetzung, die zu dem Angriff führte (z.B. ein falsch gegebener Eckball).“

Damit sind die zeitlichen Grenzen abgesteckt: Die Situation kann bis zum Ballgewinn oder der letzten Spielfortsetzung überprüft werden. Die Spielfortsetzung an sich jedoch nicht. Dahinter steckt der eherne Grundsatz des Regelwerks, dass eine Entscheidung genau ab dem Zeitpunkt nicht mehr zurückgenommen werden kann, in dem das Spiel mit Willen des Schiedsrichters fortgesetzt wurde. Die Einschränkung der Rücküberprüfung auf bestimmte Rote Karten, insbesondere (und wohl nur) Notbremsen, ergibt sich aus dem Unsportlichkeitsgrad der Vergehen: Die meisten Roten Karten sind für sich genommen schon so unsportlich, dass sie mit einem Feldverweis geahndet werden müssen, ohne dass es auf die Situation und deren Entstehung ankommt. Eine Tätlichkeit ist beispielsweise immer rotwürdig, egal ob sich das Opfer zuvor in einer Abseitsposition befand oder nicht. Einzig die Notbremse gewinnt ihren Unsportlichkeitsgrad aus der Spielsituation. Eine Notbremse an einem abseitsstehenden Spieler ist normalerweise nicht möglich, weil es gar keine klare Torchance gab, die vereitelt wurde – Schließlich konnte der abseitsstehende Spieler kein reguläres Tor erzielen. In diesem Fall muss die Entstehung der Angriffssituation betrachtet werden, weil sich die feldverweiswürdige Unsportlichkeit ja erst aus der Angriffssituation selbst ergibt.

Betrachtet man das Ziel des Videobeweises, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, muss die Entstehung von Strafraumszenen, Toren und Notbremsen überprüft werden. Es ist nicht einzusehen, warum ein Strafstoß bestehen bleibt, obwohl sich der gefoulte Spieler im Abseits befunden hat. Das wäre nicht gerecht. Hätte der Schiedsrichter das Fahnenzeichen des Assistenten erst nach der Strafstoßentscheidung gesehen, wäre diese auch zurückgenommen worden und es wäre mit indirektem Freistoß für das verteidigende Team weitergegangen. Es ist also dem Fußball durchaus nicht fremd, dass ein klares Foul ungeahndet bleibt, weil zuvor das gegnerische Team ebenfalls gegen die Regeln verstoßen hatte.

Nebenbei bemerkt: Die persönliche Strafe wegen der Intensität des Fouls (also nicht: Notbremse, Vereiteln eines aussichtsreichen Angriffs) bleibt auch in diesem Fall unangetastet, weil die Unsportlichkeit unabhängig von der Situation ist.

Wenn man nun zu dem Schluss gekommen, dass die Überprüfung des eigentlichen Fouls an sich zu eng ist, stellt man sich automatisch die Frage, wie weit man zurückgehen sollte. Die Erfahrung mit dem Videobeweis zeigt, dass die Vorgaben zwecks der Akzeptanz und der Transparenz so eindeutig wie möglich erfolgen sollten. Kriterien wie ein unmittelbarer Zusammenhang taugen zwar für eine Relevanz im Sinne der WahrenTabelle, aber nicht für den medial und von der Öffentlichkeit sehr kritisch begleiteten Videobeweis. Hier muss, wie der Zirkus um die „klare Fehlentscheidung“ zeigt, eine klare Aussage gemacht werden. Eine solche klare Aussage geht aber nur, wenn man auf möglichst objektiv messbare Kriterien abstellt.

Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man setzt eine fixe Sekundenzahl fest oder man stellt auf die letzte Spielfortsetzung bzw. den Ballgewinn ab. Jede fixe Sekundenzahl wäre willkürlich. Warum sollte das Handspiel 9,9 Sekunden vor dem Tor noch berücksichtigt werden, dasjenige 10,1 Sekunden vor dem Tor hingegen nicht, wenn die Grenze beispielsweise bei 10 Sekunden liegt? Dazu kommen noch Messungenauigkeiten und der unklare Zeitpunkt, wann ein Tackling denn zum Foul wird. Eine solche Sekundengrenze wäre also willkürlich und fehlerbehaftet. Die letzte Spielfortsetzung hingegen lässt sich eindeutig bestimmen und auch der Gewinn des Ballbesitzes ist in den meisten Fällen eindeutig feststellbar, wenn man eine klare Regelung festlegt, ob jede Ballberührung ausreicht (was sich aber nicht mit dem Ballbesitz als Kontrolle über den Ball vereinbaren ließe) oder vorzugswürdig eine Ballkontrolle verlangt.

Man muss sich aber auch immer bewusst sein, dass solche Situationen relativ selten sind. Es gab jetzt eine kleine Anhäufung gegen Ende der Hinrunde, die einen falschen Eindruck erweckt. Die Online-Testphase läuft seit Saisonbeginn und das Thema kommt erst im Dezember auf. Das zeugt schon davon, dass es sich eher um Ausnahmesituationen handelt.

Man sollte das Thema also nicht allzu hoch hängen – anders als die Kugeln am Weihnachtsbaum. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein frohes neues Jahr!

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In den vergangenen Wochen kam es zu Situationen, in denen vermeintlich klar richtig entschiedene Situationen mithilfe des Videoassistenten korrigiert wurden, weil in der Entstehung der Szene ein Vergehen übersehen wurde. Zuletzt kochte das Thema hoch, als in der Partie gegen den SC Freiburg (3:3) ein klarer Strafstoß für den FC Augsburg korrigiert wurde. Die Fuggerstädter hatten in der Entstehung der Szene ein strafbares Handspiel begangen. Was musste man da nicht alles lesen? Von „30 Sekunden“ zwischen dem Hand- und dem Foulspiel war die Rede. Zudem sei ja unklar, wie weit zurückgegangen werden könne.

Beides stimmt nicht: Zwischen Hand- und Foulspiel lagen nur zehn Sekunden. Das ist jetzt keine derart immens lange Zeit, dass ein Zusammenhang zwischen beiden Vergehen absurd wäre. Auch sind die Maßgaben, wie weit der Videobeweis zurückgehen kann, relativ eindeutig: Im Protokoll des IFAB zum Videobeweis steht:

„Bei Toren, Strafraumsituationen und bestimmten Roten Karten (z. B. für das Verhindern einer offensichtlichen Torchance) kann die Prüfung den Angriffsspielzug umfassen, der zu der Situation führte (einschließlich des gewonnenen Ballbesitzes), jedoch nicht eine der Situation vorausgegangene Spielfortsetzung, die zu dem Angriff führte (z.B. ein falsch gegebener Eckball).“

Damit sind die zeitlichen Grenzen abgesteckt: Die Situation kann bis zum Ballgewinn oder der letzten Spielfortsetzung überprüft werden. Die Spielfortsetzung an sich jedoch nicht. Dahinter steckt der eherne Grundsatz des Regelwerks, dass eine Entscheidung genau ab dem Zeitpunkt nicht mehr zurückgenommen werden kann, in dem das Spiel mit Willen des Schiedsrichters fortgesetzt wurde. Die Einschränkung der Rücküberprüfung auf bestimmte Rote Karten, insbesondere (und wohl nur) Notbremsen, ergibt sich aus dem Unsportlichkeitsgrad der Vergehen: Die meisten Roten Karten sind für sich genommen schon so unsportlich, dass sie mit einem Feldverweis geahndet werden müssen, ohne dass es auf die Situation und deren Entstehung ankommt. Eine Tätlichkeit ist beispielsweise immer rotwürdig, egal ob sich das Opfer zuvor in einer Abseitsposition befand oder nicht. Einzig die Notbremse gewinnt ihren Unsportlichkeitsgrad aus der Spielsituation. Eine Notbremse an einem abseitsstehenden Spieler ist normalerweise nicht möglich, weil es gar keine klare Torchance gab, die vereitelt wurde – Schließlich konnte der abseitsstehende Spieler kein reguläres Tor erzielen. In diesem Fall muss die Entstehung der Angriffssituation betrachtet werden, weil sich die feldverweiswürdige Unsportlichkeit ja erst aus der Angriffssituation selbst ergibt.

Betrachtet man das Ziel des Videobeweises, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, muss die Entstehung von Strafraumszenen, Toren und Notbremsen überprüft werden. Es ist nicht einzusehen, warum ein Strafstoß bestehen bleibt, obwohl sich der gefoulte Spieler im Abseits befunden hat. Das wäre nicht gerecht. Hätte der Schiedsrichter das Fahnenzeichen des Assistenten erst nach der Strafstoßentscheidung gesehen, wäre diese auch zurückgenommen worden und es wäre mit indirektem Freistoß für das verteidigende Team weitergegangen. Es ist also dem Fußball durchaus nicht fremd, dass ein klares Foul ungeahndet bleibt, weil zuvor das gegnerische Team ebenfalls gegen die Regeln verstoßen hatte.

Nebenbei bemerkt: Die persönliche Strafe wegen der Intensität des Fouls (also nicht: Notbremse, Vereiteln eines aussichtsreichen Angriffs) bleibt auch in diesem Fall unangetastet, weil die Unsportlichkeit unabhängig von der Situation ist.

Wenn man nun zu dem Schluss gekommen, dass die Überprüfung des eigentlichen Fouls an sich zu eng ist, stellt man sich automatisch die Frage, wie weit man zurückgehen sollte. Die Erfahrung mit dem Videobeweis zeigt, dass die Vorgaben zwecks der Akzeptanz und der Transparenz so eindeutig wie möglich erfolgen sollten. Kriterien wie ein unmittelbarer Zusammenhang taugen zwar für eine Relevanz im Sinne der WahrenTabelle, aber nicht für den medial und von der Öffentlichkeit sehr kritisch begleiteten Videobeweis. Hier muss, wie der Zirkus um die „klare Fehlentscheidung“ zeigt, eine klare Aussage gemacht werden. Eine solche klare Aussage geht aber nur, wenn man auf möglichst objektiv messbare Kriterien abstellt.

Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man setzt eine fixe Sekundenzahl fest oder man stellt auf die letzte Spielfortsetzung bzw. den Ballgewinn ab. Jede fixe Sekundenzahl wäre willkürlich. Warum sollte das Handspiel 9,9 Sekunden vor dem Tor noch berücksichtigt werden, dasjenige 10,1 Sekunden vor dem Tor hingegen nicht, wenn die Grenze beispielsweise bei 10 Sekunden liegt? Dazu kommen noch Messungenauigkeiten und der unklare Zeitpunkt, wann ein Tackling denn zum Foul wird. Eine solche Sekundengrenze wäre also willkürlich und fehlerbehaftet. Die letzte Spielfortsetzung hingegen lässt sich eindeutig bestimmen und auch der Gewinn des Ballbesitzes ist in den meisten Fällen eindeutig feststellbar, wenn man eine klare Regelung festlegt, ob jede Ballberührung ausreicht (was sich aber nicht mit dem Ballbesitz als Kontrolle über den Ball vereinbaren ließe) oder vorzugswürdig eine Ballkontrolle verlangt.

Man muss sich aber auch immer bewusst sein, dass solche Situationen relativ selten sind. Es gab jetzt eine kleine Anhäufung gegen Ende der Hinrunde, die einen falschen Eindruck erweckt. Die Online-Testphase läuft seit Saisonbeginn und das Thema kommt erst im Dezember auf. Das zeugt schon davon, dass es sich eher um Ausnahmesituationen handelt.

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