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04.04.2017 11:33 Uhr | Quelle: WahreTabelle

„Der Video-Beweis wird den Fußball nicht verändern“

WahreTabelle-Interview mit Schiedsrichter-Legende Knut Kircher.

Kircher / Hamburg
Quelle: Foto: WahreTabelle
Knut Kircher gibt seine Erfahrungen als Schiedsrichter nun unter anderem als Referent weiter.

Er pfiff 244 Spiele in der Fußball-Bundesliga, zeigte dabei 828 Mal Gelb, neun Mal Gelb-Rot und acht Mal glatt Rot – Knut Kircher (48, Rottenburg) gehörte zwischen 2001 und 2016 zu den renommiertesten Schiedsrichtern in Deutschland. Der Schwabe gilt als kommunikationsstarker, deeskalierender Spielleiter und war in der Saison 2014/2015 Hauptdarsteller der wertvollen Sky-Dokumentation „Das 19. Team“ über den Alltag der Bundesliga-Referees.

Mit WahreTabelle-Redakteur Carsten Germann sprach Knut Kircher am Rande eines Lehrvortrages in Hamburg im Interview über Für und Wider des Video-Assistenten, Schiedsrichter-Aufsteiger und Persönlichkeiten in der Bundesliga.

WahreTabelle: Herr Kircher, vor gut einem Jahr haben Sie nach 15-jähriger Bundesliga-Zugehörigkeit ihren Abschied als Schiedsrichter. Was machen Sie heute?

Knut Kircher: Ich versuche, meine Erfahrung, die noch relativ frisch ist, weiterzugeben an Schiedsrichterkollegen aus der ersten, zweiten Bundesliga und der 3. Liga, das ist das Fußballerische. Ich versuche natürlich auch, zu Hause in der Familie meinen Jungs zur Seite zu stehen, wenn sie Fußball spielen oder rudern, und bin intensiv bei meinem Arbeitgeber wieder beschäftigt. Da gibt es neue und spannende Herausforderungen – und denen stelle ich mich.

 

WahreTabelle: Gutes Stichwort! Inwieweit haben Ihre Erfahrungen als Teamleiter bei einem großen Automobilkonzern für und während Ihrer Schiedsrichterlaufbahn geholfen?

Kircher: Jetzt ist die Frage, was war zuerst da? In diesem Fall war die Schiedsrichterei zuerst da! Die Frage muss also lauten, was hat mir die Schiedsrichterei für die Tätigkeit als Teamleiter gebracht? Ich glaube, man lernt als Schiedsrichter unheimlich viel für das Leben, man lernt, mit Konflikten umzugehen, man lernt vor allen Dingen, in der Kommunikation mit unterschiedlichen Menschen umzugehen und man lernt, Entscheidungen zu treffen und man lernt, seine Grenzen zu erkennen.

 

Wie sehr kribbelt es bei Ihnen noch, sobald das Wochenende näher rückt und die Schiedsrichter-Nominierungen für die Bundesliga anstehen?

Kircher: Wenn ich ehrlich bin: Gar nicht! Selbst wenn ich jetzt auf der Tribüne sitze und Spiele beobachte: Ich habe nicht das Bedürfnis, dass ich da wieder runtergehen muss aufs Spielfeld. Es war für mich ein wunderbarer Abschluss, mit dem Erreichen der Altersgrenze von 47 Jahren aufhören zu können. Ich habe nicht angefangen, daran zu arbeiten, zu sagen ,,Ja, vielleicht noch ein Jährchen dranhängen“, für mich war es ein Abschluss, den ich auch genossen habe. Es gibt keine Entzugserscheinungen.

 

Über welche strittige(n) Spielszene(n) haben Sie sich als ,,Schiedsrichter a. D.“ seitdem am meisten Gedanken gemacht bzw. auch kontrovers mit Freunden und Kollegen diskutiert?

Kircher (überlegt): Oh je! Ich glaube, da kann man keine spezielle Szene herausheben. Was mich natürlich umtreibt ist die Frage: Wie werden wir das Pilot-Projekt des Video-Schiedsrichters umsetzen? Wird es gelingen, welche Erwartungshaltung steht dahinter? Natürlich schaue ich mir Fußballspiele mit zwei Augen an – und ein Auge ist und bleibt das des Schiedsrichters. Ich überlege mir: Hat der Schiedsrichter diese Situation gut gelöst oder weniger gut gelöst, was hätte er besser oder anders machen können? Die andere Sichtweise ist immer die Sicht eines Fußballfans, der sich an einem tollen Spiel begeistert. Eine komplette Unbefangenheit gibt es nicht.

 

WahreTabelle: Eine Szene, die man immer mit dem Schiedsrichter Knut Kircher in Verbindung bringen wird, ist der leichte Schubser gegen den Münchner Christopher Schindler im Relegations-Rückspiel 2015 zwischen 1860 und Holstein Kiel (2:1) – welche Reaktionen haben Sie im Anschluss an diese Szene erhalten?

Kircher: Unmittelbar nach dem Spiel war es so, dass man sich sagt: Das hat man nicht gut gelöst! Es gab natürlich auch aus dem Bereich der Schiedsrichter Rückmeldungen, die sagten „Das kann doch nicht sein, dass dies unser Umgang ist als Schiedsrichter mit den Spielern!“ Mir war sofort bewusst, dass das keine Werbeszene für mich war. Zwar wurde ich von den Medien als Schiedsrichter gefeiert, der sich nichts gefallen lässt, aber es war sicher die falsche Art von mir, so zu reagieren. Diese Szene war aber kein Spieleingriff, als dass ich einen Spieler bedrängt hätte, ihm die Lust am Fußball nehme oder ihn des Feldes verweise.

 

WahreTabelle: Experten, aber auch die User von WahreTabelle beschrieben Sie immer wieder als sehr kommunikativen Schiedsrichter. Wie wichtig sind Kommunikation und deeskalierende Spielleitung für einen Schiedsrichter?

Kircher: Meine persönliche Erfahrung ist die: Es ist mir unheimlich wichtig, in 90 Minuten eine emotionale und doch sehr kurze Bindung zu allen 22 Akteuren hinzubekommen, um die Spieler während der Partie nicht zu verlieren. Wenn ein Spieler in den emotionalen, roten Bereich driftet, dann ist er für mich verloren! Irgendwann macht er dann etwas Unbeherrschtes und ich muss ihn entsprechend sanktionieren. Da ist es mir lieber, immer in die Kommunikation einzusteigen und einen Draht zu den Spielern zu haben.

 

WahreTabelle: Bei welchem Bundesliga-Schiedsrichter sehen Sie aktuell diese Eigenschaften am deutlichsten?

Kircher: Aus meiner Sicht hat sich Tobias Stieler als Schiedsrichter sensationell entwickelt! Felix Brych legt das seit Jahren an den Tag, Manuel Gräfe kann es par excellence, Deniz Aytekin macht das gut. Patrick Ittrich aus Hamburg ist ein sehr kommunikativer Typ, auch ein Benjamin Brand wird seinen Weg machen.

 

WahreTabelle: Im Sommer 2016 traten mit Benjamin Cortus, Dr. Robert Kampka, Harm Osmers und Frank Willenborg vier neue Schiedsrichter in der Bundesliga ihren Dienst an - welcher Neuling konnte Sie am meisten überzeugen?

Kircher: Ich würde da keine Wertung abgeben. Die Vier haben die Chance verdient, in die Bundesliga aufzusteigen und sie werden diese Chance am Schopf packen. Jeder hat seinen eigenen Weg, in der Bundesliga anzukommen. Es ist immer so ein Problem, wenn prominente oder bekannte Schiedsrichter ausscheiden, dass man sich fragt: Wer ersetzt wen, wer entspricht welchem Typ? Aber das kann man so pauschal nicht sagen. Es sind vier verschiedene Typen. Ich wünsche allen Vier, dass sie gut ankommen in der Bundesliga.

 

WahreTabelle: Umgekehrt gefragt: Wer von den erfahrenen Schiedsrichtern liefert Ihrer Meinung bislang die beste Saisonleistung ab?

Kircher: Ich habe zu wenige Spiele gesehen, um jemanden hervorzuheben. Wenn man die Schiedsrichter aber als 19. Mannschaft der Liga sieht, dann darf man nicht hingehen und sagen der oder jener Schiedsrichter ist der Star. Wenn die Mannschaft gut funktioniert – und den Eindruck habe ich – dann ist es ein Mehrwert für die ganze Liga. Wir haben ein gutes 19. Team, das uns mit guten und nachvollziehbaren Entscheidungen auf dem Feld begleitet und somit für einen reibungslosen Ablauf sorgt.

 

WahreTabelle: In der vergangenen Woche gab es ein weiteres Novum für einen deutschen Schiedsrichter. Beim Länderspiel-Klassiker Frankreich - Spanien war Felix Zwayer der erste deutsche Referee, dem in einem internationalen Spiel der Video-Assistent zur Verfügung stand – in Person seines ebenfalls erfahrenen Referee-Kollegen Tobias Stieler. Wie bewerten Sie die Einführung des Video-Assistenten und weitere technische Hilfsmittel für die Schiedsrichter, wie etwa die 2015 eingeführte Torlinientechnik?

Kircher: Ich habe schon einiges miterlebt in den vielen Jahren meiner Schiedsrichterei – angefangen von den Assistentenfahnen, die wie ein Holzprügel mit Lappen aussahen. Dann gab es das Thema „Signalfahnen“, dann das Thema „Headset“, später die Torlinientechnik – und jetzt kommt der Video-Beweis. Beim Video-Assistenten war ich immer sehr skeptisch. Als Traditionalist sage ich natürlich: Lasst das Spiel wie es ist und lasst die Tatsachen im Spiel. Als Schiedsrichter bin ich allerdings ein gebranntes Kind. In der einen oder anderen Situation hätte ich vielleicht zum Wohle aller und zum Wohle einer gewissen Gerechtigkeit besser entschieden, wie es später die Zeitlupe gezeigt hat. Alles in allem hilft uns der Video-Assistent, die Spitzen, die groben Fehler zu vermeiden. Man muss nur aufpassen bei der Erwartungshaltung! Wir haben nicht das ganze Spiel, um Entscheidungen in Schwarz und Weiß aufzuteilen, es wird auch mit dem Video-Beweis immer Grau-Entscheidungen geben – aber ich glaube, der Video-Assistent hilft uns.

 

WahreTabelle: Wird der Fußball dadurch, wie Marco van Basten zum Beispiel sagt, fairer oder wird er – wie viele Kritiker behaupten – zu sehr entemotionalisiert?

Kircher: Ich glaube, dass weder das eine oder andere eintritt! Fairplay ist eine menschliche Grundhaltung. Wenn sich das grundlegende Verhalten der Menschen nicht ändert, dann wird auch das Spiel nicht fairer. Es wird in manchen Situationen gerechter zugehen, weil der ein oder andere spielentscheidende Fehler nicht zum Tragen kommt. Dass der Fußball ent-emotionalisiert wird, glaube ich auch nicht. Es wird weiter Grau-Entscheidungen geben und Szenen, wo man mit vier Betrachtern fünf Meinungen hat.

 

WahreTabelle: Wie hilfreich sind andere Gedankenspiele von Seiten der FIFA, wie die Wiedereinführung von Zeitstrafen oder die Abschaffung der Abseitsregel?

Kircher: Interessante Gedankenansätze! Ich habe selbst noch die Zeitstrafe als Schiedsrichter in der Oberliga zur Verfügung gehabt, ich fand das immer gut. Der etwas erhitzte Spieler konnte für zehn Minuten sein Mütchen draußen abkühlen und er hatte wirklich Zeit, sich zu überlegen, was er dann macht… Es gibt Für und Wider – ich persönlich fand die Zeitstrafe im Amateurbereich sehr gut, im Profibereich käme es auf einen Versuch an. Andere Dinge? Gut, wir haben jetzt den Video-Beweis, wenn wir jetzt noch das Abseits abschaffen, was haben wir dann noch? Spielen wir dann wieder wie zu Beckenbauers Zeiten mit Libero? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht! Das Schöne ist aber: Es lässt sich über Fußball herrlich diskutieren und es lassen sich immer neue Ideen einbringen.

 

WahreTabelle: Was war für Sie stets die größte Schwierigkeit in der Begegnung mit den Spielern, vor welchen konkreten Spielsituationen hatten Sie den größten Respekt?

Kircher: Ich hatte nie Angst, weil Angst ist für mich bei Entscheidungen immer der schlechteste Wegbegleiter, das hemmt einem. Ich hatte Respekt vor der Aufgabe als Schiedsrichter, aber ich habe mir auch gesagt: Du musst gut vorbereitet sein und hoch konzentriert sein, den eigenen Anspruch haben, keinen Fehler zu machen. Das war der Respekt vor der Herkulesaufgabe, den ich mir selbst gegeben habe. Respekt und Wertschätzung gelten aber sowohl für arrivierte Spieler oder Nachwuchsleute. Es ist zwar schon ein anderer Umgang, das ist aber wie im normalen Leben. Wenn man sich unter Menschen zum ersten Mal sieht, ist der Umgang ein anderer, als wenn man sich schon jahrelang kennt.

 

WahreTabelle: Und welche Spieler sind Ihnen besonders positiv in Erinnerung geblieben, ergeben sich über einen Zeitraum von 15 Erstliga-Jahren eventuell sogar Freundschaften zu Spielern und Trainern?

Kircher: Für mich persönlich ergaben sich gar keine Freundschaften, aus dem einfachen Grund, weil ich die nie gesucht habe. Dazu waren die Begegnungen einfach auf einer zu professionellen Ebene. Ich glaube, dass es da Freundschaften gibt oder lockere Beziehungen, weil man sich über Jahre kennt. Wenn Spieler kommen und man trifft sich irgendwo, dann ist es immer ein herzliches Hallo. Ich habe aber während der Saison nie einen Spieler oder Trainer angerufen, um mich mit ihm auf einen Kaffee zu treffen. Ich bin ein Mensch, der am Ende das Positive rauszieht. Welche Spieler bleiben positiv in Erinnerung? Die so genannten Typen, die in der Liga waren! Wie Basler, Ballack, Effenberg, Kahn, Lahm, Schweinsteiger, Özil – jeder hatte etwas Besonderes. Es waren immer tolle Begegnungen und immer ein Lernfeld, weil du musst am Ende mit 22 unterschiedlichen Typen auf dem Fußballfeld umgehen. Und das ist eine Challenge, die mir unglaublich viel Spaß gemacht hat. (cge).

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Mit WahreTabelle-Redakteur Carsten Germann sprach Knut Kircher am Rande eines Lehrvortrages in Hamburg im Interview über Für und Wider des Video-Assistenten, Schiedsrichter-Aufsteiger und Persönlichkeiten in der Bundesliga.

WahreTabelle: Herr Kircher, vor gut einem Jahr haben Sie nach 15-jähriger Bundesliga-Zugehörigkeit ihren Abschied als Schiedsrichter. Was machen Sie heute?

Knut Kircher: Ich versuche, meine Erfahrung, die noch relativ frisch ist, weiterzugeben an Schiedsrichterkollegen aus der ersten, zweiten Bundesliga und der 3. Liga, das ist das Fußballerische. Ich versuche natürlich auch, zu Hause in der Familie meinen Jungs zur Seite zu stehen, wenn sie Fußball spielen oder rudern, und bin intensiv bei meinem Arbeitgeber wieder beschäftigt. Da gibt es neue und spannende Herausforderungen – und denen stelle ich mich.

 

WahreTabelle: Gutes Stichwort! Inwieweit haben Ihre Erfahrungen als Teamleiter bei einem großen Automobilkonzern für und während Ihrer Schiedsrichterlaufbahn geholfen?

Kircher: Jetzt ist die Frage, was war zuerst da? In diesem Fall war die Schiedsrichterei zuerst da! Die Frage muss also lauten, was hat mir die Schiedsrichterei für die Tätigkeit als Teamleiter gebracht? Ich glaube, man lernt als Schiedsrichter unheimlich viel für das Leben, man lernt, mit Konflikten umzugehen, man lernt vor allen Dingen, in der Kommunikation mit unterschiedlichen Menschen umzugehen und man lernt, Entscheidungen zu treffen und man lernt, seine Grenzen zu erkennen.

 

Wie sehr kribbelt es bei Ihnen noch, sobald das Wochenende näher rückt und die Schiedsrichter-Nominierungen für die Bundesliga anstehen?

Kircher: Wenn ich ehrlich bin: Gar nicht! Selbst wenn ich jetzt auf der Tribüne sitze und Spiele beobachte: Ich habe nicht das Bedürfnis, dass ich da wieder runtergehen muss aufs Spielfeld. Es war für mich ein wunderbarer Abschluss, mit dem Erreichen der Altersgrenze von 47 Jahren aufhören zu können. Ich habe nicht angefangen, daran zu arbeiten, zu sagen ,,Ja, vielleicht noch ein Jährchen dranhängen“, für mich war es ein Abschluss, den ich auch genossen habe. Es gibt keine Entzugserscheinungen.

 

Über welche strittige(n) Spielszene(n) haben Sie sich als ,,Schiedsrichter a. D.“ seitdem am meisten Gedanken gemacht bzw. auch kontrovers mit Freunden und Kollegen diskutiert?

Kircher (überlegt): Oh je! Ich glaube, da kann man keine spezielle Szene herausheben. Was mich natürlich umtreibt ist die Frage: Wie werden wir das Pilot-Projekt des Video-Schiedsrichters umsetzen? Wird es gelingen, welche Erwartungshaltung steht dahinter? Natürlich schaue ich mir Fußballspiele mit zwei Augen an – und ein Auge ist und bleibt das des Schiedsrichters. Ich überlege mir: Hat der Schiedsrichter diese Situation gut gelöst oder weniger gut gelöst, was hätte er besser oder anders machen können? Die andere Sichtweise ist immer die Sicht eines Fußballfans, der sich an einem tollen Spiel begeistert. Eine komplette Unbefangenheit gibt es nicht.

 

WahreTabelle: Eine Szene, die man immer mit dem Schiedsrichter Knut Kircher in Verbindung bringen wird, ist der leichte Schubser gegen den Münchner Christopher Schindler im Relegations-Rückspiel 2015 zwischen 1860 und Holstein Kiel (2:1) – welche Reaktionen haben Sie im Anschluss an diese Szene erhalten?

Kircher: Unmittelbar nach dem Spiel war es so, dass man sich sagt: Das hat man nicht gut gelöst! Es gab natürlich auch aus dem Bereich der Schiedsrichter Rückmeldungen, die sagten „Das kann doch nicht sein, dass dies unser Umgang ist als Schiedsrichter mit den Spielern!“ Mir war sofort bewusst, dass das keine Werbeszene für mich war. Zwar wurde ich von den Medien als Schiedsrichter gefeiert, der sich nichts gefallen lässt, aber es war sicher die falsche Art von mir, so zu reagieren. Diese Szene war aber kein Spieleingriff, als dass ich einen Spieler bedrängt hätte, ihm die Lust am Fußball nehme oder ihn des Feldes verweise.

 

WahreTabelle: Experten, aber auch die User von WahreTabelle beschrieben Sie immer wieder als sehr kommunikativen Schiedsrichter. Wie wichtig sind Kommunikation und deeskalierende Spielleitung für einen Schiedsrichter?

Kircher: Meine persönliche Erfahrung ist die: Es ist mir unheimlich wichtig, in 90 Minuten eine emotionale und doch sehr kurze Bindung zu allen 22 Akteuren hinzubekommen, um die Spieler während der Partie nicht zu verlieren. Wenn ein Spieler in den emotionalen, roten Bereich driftet, dann ist er für mich verloren! Irgendwann macht er dann etwas Unbeherrschtes und ich muss ihn entsprechend sanktionieren. Da ist es mir lieber, immer in die Kommunikation einzusteigen und einen Draht zu den Spielern zu haben.

 

WahreTabelle: Bei welchem Bundesliga-Schiedsrichter sehen Sie aktuell diese Eigenschaften am deutlichsten?

Kircher: Aus meiner Sicht hat sich Tobias Stieler als Schiedsrichter sensationell entwickelt! Felix Brych legt das seit Jahren an den Tag, Manuel Gräfe kann es par excellence, Deniz Aytekin macht das gut. Patrick Ittrich aus Hamburg ist ein sehr kommunikativer Typ, auch ein Benjamin Brand wird seinen Weg machen.

 

WahreTabelle: Im Sommer 2016 traten mit Benjamin Cortus, Dr. Robert Kampka, Harm Osmers und Frank Willenborg vier neue Schiedsrichter in der Bundesliga ihren Dienst an - welcher Neuling konnte Sie am meisten überzeugen?

Kircher: Ich würde da keine Wertung abgeben. Die Vier haben die Chance verdient, in die Bundesliga aufzusteigen und sie werden diese Chance am Schopf packen. Jeder hat seinen eigenen Weg, in der Bundesliga anzukommen. Es ist immer so ein Problem, wenn prominente oder bekannte Schiedsrichter ausscheiden, dass man sich fragt: Wer ersetzt wen, wer entspricht welchem Typ? Aber das kann man so pauschal nicht sagen. Es sind vier verschiedene Typen. Ich wünsche allen Vier, dass sie gut ankommen in der Bundesliga.

 

WahreTabelle: Umgekehrt gefragt: Wer von den erfahrenen Schiedsrichtern liefert Ihrer Meinung bislang die beste Saisonleistung ab?

Kircher: Ich habe zu wenige Spiele gesehen, um jemanden hervorzuheben. Wenn man die Schiedsrichter aber als 19. Mannschaft der Liga sieht, dann darf man nicht hingehen und sagen der oder jener Schiedsrichter ist der Star. Wenn die Mannschaft gut funktioniert – und den Eindruck habe ich – dann ist es ein Mehrwert für die ganze Liga. Wir haben ein gutes 19. Team, das uns mit guten und nachvollziehbaren Entscheidungen auf dem Feld begleitet und somit für einen reibungslosen Ablauf sorgt.

 

WahreTabelle: In der vergangenen Woche gab es ein weiteres Novum für einen deutschen Schiedsrichter. Beim Länderspiel-Klassiker Frankreich - Spanien war Felix Zwayer der erste deutsche Referee, dem in einem internationalen Spiel der Video-Assistent zur Verfügung stand – in Person seines ebenfalls erfahrenen Referee-Kollegen Tobias Stieler. Wie bewerten Sie die Einführung des Video-Assistenten und weitere technische Hilfsmittel für die Schiedsrichter, wie etwa die 2015 eingeführte Torlinientechnik?

Kircher: Ich habe schon einiges miterlebt in den vielen Jahren meiner Schiedsrichterei – angefangen von den Assistentenfahnen, die wie ein Holzprügel mit Lappen aussahen. Dann gab es das Thema „Signalfahnen“, dann das Thema „Headset“, später die Torlinientechnik – und jetzt kommt der Video-Beweis. Beim Video-Assistenten war ich immer sehr skeptisch. Als Traditionalist sage ich natürlich: Lasst das Spiel wie es ist und lasst die Tatsachen im Spiel. Als Schiedsrichter bin ich allerdings ein gebranntes Kind. In der einen oder anderen Situation hätte ich vielleicht zum Wohle aller und zum Wohle einer gewissen Gerechtigkeit besser entschieden, wie es später die Zeitlupe gezeigt hat. Alles in allem hilft uns der Video-Assistent, die Spitzen, die groben Fehler zu vermeiden. Man muss nur aufpassen bei der Erwartungshaltung! Wir haben nicht das ganze Spiel, um Entscheidungen in Schwarz und Weiß aufzuteilen, es wird auch mit dem Video-Beweis immer Grau-Entscheidungen geben – aber ich glaube, der Video-Assistent hilft uns.

 

WahreTabelle: Wird der Fußball dadurch, wie Marco van Basten zum Beispiel sagt, fairer oder wird er – wie viele Kritiker behaupten – zu sehr entemotionalisiert?

Kircher: Ich glaube, dass weder das eine oder andere eintritt! Fairplay ist eine menschliche Grundhaltung. Wenn sich das grundlegende Verhalten der Menschen nicht ändert, dann wird auch das Spiel nicht fairer. Es wird in manchen Situationen gerechter zugehen, weil der ein oder andere spielentscheidende Fehler nicht zum Tragen kommt. Dass der Fußball ent-emotionalisiert wird, glaube ich auch nicht. Es wird weiter Grau-Entscheidungen geben und Szenen, wo man mit vier Betrachtern fünf Meinungen hat.

 

WahreTabelle: Wie hilfreich sind andere Gedankenspiele von Seiten der FIFA, wie die Wiedereinführung von Zeitstrafen oder die Abschaffung der Abseitsregel?

Kircher: Interessante Gedankenansätze! Ich habe selbst noch die Zeitstrafe als Schiedsrichter in der Oberliga zur Verfügung gehabt, ich fand das immer gut. Der etwas erhitzte Spieler konnte für zehn Minuten sein Mütchen draußen abkühlen und er hatte wirklich Zeit, sich zu überlegen, was er dann macht… Es gibt Für und Wider – ich persönlich fand die Zeitstrafe im Amateurbereich sehr gut, im Profibereich käme es auf einen Versuch an. Andere Dinge? Gut, wir haben jetzt den Video-Beweis, wenn wir jetzt noch das Abseits abschaffen, was haben wir dann noch? Spielen wir dann wieder wie zu Beckenbauers Zeiten mit Libero? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht! Das Schöne ist aber: Es lässt sich über Fußball herrlich diskutieren und es lassen sich immer neue Ideen einbringen.

 

WahreTabelle: Was war für Sie stets die größte Schwierigkeit in der Begegnung mit den Spielern, vor welchen konkreten Spielsituationen hatten Sie den größten Respekt?

Kircher: Ich hatte nie Angst, weil Angst ist für mich bei Entscheidungen immer der schlechteste Wegbegleiter, das hemmt einem. Ich hatte Respekt vor der Aufgabe als Schiedsrichter, aber ich habe mir auch gesagt: Du musst gut vorbereitet sein und hoch konzentriert sein, den eigenen Anspruch haben, keinen Fehler zu machen. Das war der Respekt vor der Herkulesaufgabe, den ich mir selbst gegeben habe. Respekt und Wertschätzung gelten aber sowohl für arrivierte Spieler oder Nachwuchsleute. Es ist zwar schon ein anderer Umgang, das ist aber wie im normalen Leben. Wenn man sich unter Menschen zum ersten Mal sieht, ist der Umgang ein anderer, als wenn man sich schon jahrelang kennt.

 

WahreTabelle: Und welche Spieler sind Ihnen besonders positiv in Erinnerung geblieben, ergeben sich über einen Zeitraum von 15 Erstliga-Jahren eventuell sogar Freundschaften zu Spielern und Trainern?

Kircher: Für mich persönlich ergaben sich gar keine Freundschaften, aus dem einfachen Grund, weil ich die nie gesucht habe. Dazu waren die Begegnungen einfach auf einer zu professionellen Ebene. Ich glaube, dass es da Freundschaften gibt oder lockere Beziehungen, weil man sich über Jahre kennt. Wenn Spieler kommen und man trifft sich irgendwo, dann ist es immer ein herzliches Hallo. Ich habe aber während der Saison nie einen Spieler oder Trainer angerufen, um mich mit ihm auf einen Kaffee zu treffen. Ich bin ein Mensch, der am Ende das Positive rauszieht. Welche Spieler bleiben positiv in Erinnerung? Die so genannten Typen, die in der Liga waren! Wie Basler, Ballack, Effenberg, Kahn, Lahm, Schweinsteiger, Özil – jeder hatte etwas Besonderes. Es waren immer tolle Begegnungen und immer ein Lernfeld, weil du musst am Ende mit 22 unterschiedlichen Typen auf dem Fußballfeld umgehen. Und das ist eine Challenge, die mir unglaublich viel Spaß gemacht hat. (cge).

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Diese News betrifft folgende Schiedsrichter:

Deniz Aytekin Name : Deniz Aytekin
Geburtsdatum: 21.07.1978
Ort: Oberasbach
Dr. Felix Brych Name : Dr. Felix Brych
Geburtsdatum: 03.08.1975
Ort: München
Manuel Gräfe Name : Manuel Gräfe
Geburtsdatum: 21.09.1973
Ort: Berlin
Knut Kircher Name : Knut Kircher
Geburtsdatum: 02.02.1969
Ort: Rottenburg
Frank Willenborg Name : Frank Willenborg
Geburtsdatum: 10.02.1979
Ort: Osnabrück
Felix Zwayer Name : Felix Zwayer
Geburtsdatum: 19.05.1981
Ort: Berlin
Tobias Stieler Name : Tobias Stieler
Geburtsdatum: 02.07.1981
Ort: Hamburg
Benjamin Brand Name : Benjamin Brand
Geburtsdatum: 10.07.1989
Ort: Gerolzhofen
Harm Osmers Name : Harm Osmers
Geburtsdatum: 28.01.1985
Ort: Hannover
Patrick Ittrich Name : Patrick Ittrich
Geburtsdatum: 03.01.1979
Ort: Hamburg

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Name : Deniz Aytekin
Geburtsdatum: 21.07.1978
Ort: Oberasbach
Dr. Felix Brych
Name : Dr. Felix Brych
Geburtsdatum: 03.08.1975
Ort: München
Manuel Gräfe
Name : Manuel Gräfe
Geburtsdatum: 21.09.1973
Ort: Berlin
Knut Kircher
Name : Knut Kircher
Geburtsdatum: 02.02.1969
Ort: Rottenburg
Frank Willenborg
Name : Frank Willenborg
Geburtsdatum: 10.02.1979
Ort: Osnabrück
Felix Zwayer
Name : Felix Zwayer
Geburtsdatum: 19.05.1981
Ort: Berlin
Tobias Stieler
Name : Tobias Stieler
Geburtsdatum: 02.07.1981
Ort: Hamburg
Benjamin Brand
Name : Benjamin Brand
Geburtsdatum: 10.07.1989
Ort: Gerolzhofen
Harm Osmers
Name : Harm Osmers
Geburtsdatum: 28.01.1985
Ort: Hannover
Patrick Ittrich
Name : Patrick Ittrich
Geburtsdatum: 03.01.1979
Ort: Hamburg

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Drees begründet die Entscheidung des DFB

Dankert_Bastian_Schiedsrichter_Videobeweis_VAR_imago40280174h_1563464368.jpg

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