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05.09.2019 15:31 Uhr | Quelle: WahreTabelle

Schiedsrichterball: Weniger hören, mehr sehen

Warum Rot für Gjasulas Scheibenwischergeste richtig gewesen wäre

Johannes Gründel
Johannes Gründel
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Quelle: imago images
Gjasula zeigte am vergangen Spieltag die Scheibenwischergeste in Richtung des Schiedsrichters

Johannes Gründel
Johannes Gründel

„Weniger hören, mehr sehen“ ist unter Schiedsrichtern ein verbreiteter Spruch. Er beschreibt das eigene Rollenverständnis und den Umgangston am Fußballplatz: Die Aufgabe der Schiedsrichter ist vor allem, die sichtbaren Vergehen zu ahnden. Ahndet man dagegen unsichtbare Vergehen, entsteht nichts als Verwirrung und das Spiel kocht hoch.

Während man sich als Schiedsrichter in der Kreisklasse noch entschuldigen muss, wenn einem in der Emotion ein „Halt die Klappe“ rausrutscht, weil die meisten Spieler mit dieser Ansage nicht umgehen können, kann ein Schiedsrichterassistent auf Verbandsebene seinen Chef via Headset schon mal sagen hören: „Jetzt halt die Fresse! Ich glaube, Du spinnst wohl!“, nachdem der Spieler zu ihm gesagt hat: „Du blinder Idiot“. In der Bundesliga sind Platzverweise wegen Beleidigungen eine Rarität.

Der letzte, an den ich mich erinnere, war die Rote Karte gegen Vedad Ibisevic, seines Zeichens sicherlich kein Kind von Traurigkeit, durch Tobias Stieler. Kurzfristige Folge dieser Roten Karte war eine mediale Diskussion, inklusive Einsatz einer Lippenleserin, ob Ibisevic „Das ist so schlecht“ oder „Du bist scheiße“ gesagt hat. Langfristig beeinflusste die Situation aber auch Stielers Pfeifstil und verstärkte dessen Entwicklung, die schon 2013 nach einem Spiel zwischen Hoffenheim und Freiburg mit drei Roten Karten und einem Innenraumverweis begann: Weg vom „Kartenspieler“, hin zum Schiedsrichter, der Situationen mit Persönlichkeit löst. Aufgrund dieser Entwicklung ist Tobias Stieler mittlerweile einer der besten Schiedsrichter in Deutschland und durfte vergangenes Jahr vollkommen zu Recht das DFB-Pokalfinale leiten.

Eine der Roten Karten im bereits angesprochenen Spiel von 2013 sah Admir Mehmedi in der Nachspielzeit: Er hatte dem Schiedsrichterassistenten den Vogel gezeigt. Hier befinden wir uns dann in einem Bereich, den man nicht mehr mit „Überhören“ und möglicherweise einer scharfen Ansprache lösen kann, da hier jeder die Geste mitbekommt. Reagiert der Schiedsrichter auf eine solche nach außen hin erkennbare Beleidigung nicht mit der Roten Karte, zerstört er damit seine Autorität und Akzeptanz.

Voraussetzung dafür ist aber, dass die Geste auch wirklich eindeutig eine Beleidigung ist. Das wird in der öffentlichen Diskussion gerne vergessen: Nicht jede Geste, die man auch als Beleidigung auffassen kann, ist auch als Beleidigung zu werten. An den Kopf tippen kann bedeuten: „Du hast ja einen Vogel!“. An den Kopf tippen kann aber auch bedeuten: „Denk doch mal mit!“ – das ist zwar sicherlich unsachlich, aber für eine Beleidigung wird es wohl noch nicht reichen. An den Kopf tippen kann aber auch heißen: „Hey, der Verteidiger war noch mit dem Kopf dran! Das muss Ecke geben!“ – Das wäre zweifelsfrei keine Beleidigung. Der Kontext ist also entscheidend. Das Problem für die Öffentlichkeit: Den (verbalen) Kontext bekommt man nicht mit.

Weniger Deutungsmöglichkeiten gab es dagegen am vergangenen Samstag in Wolfsburg: Paderborns Klaus Gjasula wischte viermal mit der flachen Hand vor seinem Gesicht: die klassische Scheibenwischergeste und damit nach außen hin eine Beleidigung. Während das einmalige Wischen vor dem Gesicht noch als Abwinken gedeutet werden kann (auch hier: Der verbale Kontext ist entscheidend), fällt zumindest mir bei mehrfachem Wischen keine Alternativerklärung ein. Ich hätte mir daher gewünscht, dass eine solche Geste mit der Roten Karte geahndet worden wäre. Allerdings darf man bei Beleidigungen und beim Meckern einen Aspekt nicht vergessen: Anders als beim Foulspiel ist hier der Schiedsrichter das Opfer und entscheidet selbst über die Frage der Ahndung. Und wenn der Schiedsrichter selbst die Situation wahrnimmt und eine persönliche Strafe nicht für nötig erachtet – warum sollte es dann einen Platzverweis geben?

An dieser Frage sieht man, dass der Schiedsrichter einen gewissen Beurteilungsspielraum hat. Der eine Schiedsrichter fühlt sich schneller beleidigt, der andere hört über verbale Beleidigungen weg und antwortet in einem ähnlichen Tonfall, womit er sich aber wieder dem Risiko aussetzt, dass der Spieler anschließend an die Medien geht und sagt „Der Schiedsrichter hat mich beleidigt!“ – freilich ohne dabei den Auslöser, nämlich seine eigene Beleidigung, zu erwähnen. Aus diesem Grund muss ich auch immer über Stellungnahmen wie: „Ich habe nur gesagt, dass das ein Elfmeter war“, etwas schmunzeln. Der genaue Wortlaut war im Zweifel nämlich nicht: „Herr Schiedsrichter, ich möchte nur höflichst anmerken, dass ich hierfür einen Strafstoß verhängt hätte“, sondern eher etwas Persönlicheres. Was genau gesagt wurde, weiß die Öffentlichkeit aber natürlich nicht – und angesichts des Sportgerichtsverfahrens soll sich der Schiedsrichter dazu auch nicht öffentlich äußern. Zeigt sich im Nachhinein auch noch, dass es wirklich ein Elfmeter gewesen wäre, ist dem Schiedsrichter ein Spießrutenlauf gewiss. Das zeigt, dass der anfangs zitierte Merksatz „Weniger hören, mehr sehen“ durchaus seine Berechtigung hat…

„Weniger hören, mehr sehen“ ist unter Schiedsrichtern ein verbreiteter Spruch. Er beschreibt das eigene Rollenverständnis und den Umgangston am Fußballplatz: Die Aufgabe der Schiedsrichter ist vor allem, die sichtbaren Vergehen zu ahnden. Ahndet man dagegen unsichtbare Vergehen, entsteht nichts als Verwirrung und das Spiel kocht hoch.

Während man sich als Schiedsrichter in der Kreisklasse noch entschuldigen muss, wenn einem in der Emotion ein „Halt die Klappe“ rausrutscht, weil die meisten Spieler mit dieser Ansage nicht umgehen können, kann ein Schiedsrichterassistent auf Verbandsebene seinen Chef via Headset schon mal sagen hören: „Jetzt halt die Fresse! Ich glaube, Du spinnst wohl!“, nachdem der Spieler zu ihm gesagt hat: „Du blinder Idiot“. In der Bundesliga sind Platzverweise wegen Beleidigungen eine Rarität.

Der letzte, an den ich mich erinnere, war die Rote Karte gegen Vedad Ibisevic, seines Zeichens sicherlich kein Kind von Traurigkeit, durch Tobias Stieler. Kurzfristige Folge dieser Roten Karte war eine mediale Diskussion, inklusive Einsatz einer Lippenleserin, ob Ibisevic „Das ist so schlecht“ oder „Du bist scheiße“ gesagt hat. Langfristig beeinflusste die Situation aber auch Stielers Pfeifstil und verstärkte dessen Entwicklung, die schon 2013 nach einem Spiel zwischen Hoffenheim und Freiburg mit drei Roten Karten und einem Innenraumverweis begann: Weg vom „Kartenspieler“, hin zum Schiedsrichter, der Situationen mit Persönlichkeit löst. Aufgrund dieser Entwicklung ist Tobias Stieler mittlerweile einer der besten Schiedsrichter in Deutschland und durfte vergangenes Jahr vollkommen zu Recht das DFB-Pokalfinale leiten.

Eine der Roten Karten im bereits angesprochenen Spiel von 2013 sah Admir Mehmedi in der Nachspielzeit: Er hatte dem Schiedsrichterassistenten den Vogel gezeigt. Hier befinden wir uns dann in einem Bereich, den man nicht mehr mit „Überhören“ und möglicherweise einer scharfen Ansprache lösen kann, da hier jeder die Geste mitbekommt. Reagiert der Schiedsrichter auf eine solche nach außen hin erkennbare Beleidigung nicht mit der Roten Karte, zerstört er damit seine Autorität und Akzeptanz.

Voraussetzung dafür ist aber, dass die Geste auch wirklich eindeutig eine Beleidigung ist. Das wird in der öffentlichen Diskussion gerne vergessen: Nicht jede Geste, die man auch als Beleidigung auffassen kann, ist auch als Beleidigung zu werten. An den Kopf tippen kann bedeuten: „Du hast ja einen Vogel!“. An den Kopf tippen kann aber auch bedeuten: „Denk doch mal mit!“ – das ist zwar sicherlich unsachlich, aber für eine Beleidigung wird es wohl noch nicht reichen. An den Kopf tippen kann aber auch heißen: „Hey, der Verteidiger war noch mit dem Kopf dran! Das muss Ecke geben!“ – Das wäre zweifelsfrei keine Beleidigung. Der Kontext ist also entscheidend. Das Problem für die Öffentlichkeit: Den (verbalen) Kontext bekommt man nicht mit.

Weniger Deutungsmöglichkeiten gab es dagegen am vergangenen Samstag in Wolfsburg: Paderborns Klaus Gjasula wischte viermal mit der flachen Hand vor seinem Gesicht: die klassische Scheibenwischergeste und damit nach außen hin eine Beleidigung. Während das einmalige Wischen vor dem Gesicht noch als Abwinken gedeutet werden kann (auch hier: Der verbale Kontext ist entscheidend), fällt zumindest mir bei mehrfachem Wischen keine Alternativerklärung ein. Ich hätte mir daher gewünscht, dass eine solche Geste mit der Roten Karte geahndet worden wäre. Allerdings darf man bei Beleidigungen und beim Meckern einen Aspekt nicht vergessen: Anders als beim Foulspiel ist hier der Schiedsrichter das Opfer und entscheidet selbst über die Frage der Ahndung. Und wenn der Schiedsrichter selbst die Situation wahrnimmt und eine persönliche Strafe nicht für nötig erachtet – warum sollte es dann einen Platzverweis geben?

An dieser Frage sieht man, dass der Schiedsrichter einen gewissen Beurteilungsspielraum hat. Der eine Schiedsrichter fühlt sich schneller beleidigt, der andere hört über verbale Beleidigungen weg und antwortet in einem ähnlichen Tonfall, womit er sich aber wieder dem Risiko aussetzt, dass der Spieler anschließend an die Medien geht und sagt „Der Schiedsrichter hat mich beleidigt!“ – freilich ohne dabei den Auslöser, nämlich seine eigene Beleidigung, zu erwähnen. Aus diesem Grund muss ich auch immer über Stellungnahmen wie: „Ich habe nur gesagt, dass das ein Elfmeter war“, etwas schmunzeln. Der genaue Wortlaut war im Zweifel nämlich nicht: „Herr Schiedsrichter, ich möchte nur höflichst anmerken, dass ich hierfür einen Strafstoß verhängt hätte“, sondern eher etwas Persönlicheres. Was genau gesagt wurde, weiß die Öffentlichkeit aber natürlich nicht – und angesichts des Sportgerichtsverfahrens soll sich der Schiedsrichter dazu auch nicht öffentlich äußern. Zeigt sich im Nachhinein auch noch, dass es wirklich ein Elfmeter gewesen wäre, ist dem Schiedsrichter ein Spießrutenlauf gewiss. Das zeigt, dass der anfangs zitierte Merksatz „Weniger hören, mehr sehen“ durchaus seine Berechtigung hat…

06.09.2019 13:06


AllesZufall


Eintr. Frankfurt-FanEintr. Frankfurt-Fan


Mitglied seit: 17.02.2019

Aktivität:
Beiträge: 389

Was soll denn bitte so ein Kommentar? Den kann ich in keiner Weise nachvollziehen.

Wie wäre es stattdessen mal damit, dass sich diese Bauern auf dem Fußballplatz anständig benehmen? Und zwar von Kreisklasse bis Bundesliga? Dann muss man das Pferd auch nicht von hinten aufzäumen. Ich bin ganz klar dafür Beleidigungen und Respektlosigkeiten viel stärker zu ahnden. 

Aber irgendwie ist Fußball der einzige Sport wo das toleriert und sogar gefeiert wird. Ähnlich wie die ganzen Unsportlichkeiten.


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